Die Sache mit der Rückkehr…

Heute in genau zwei Monaten fliege ich zurück in meine Wahlheimat Washington DC! Verrückt! Ich kann es kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist und tagtäglich im gefühlten Sekundentakt förmlich an mir vorbeirast (es ist bald März!)! Das Jahr 2015 wirkt schon jetzt unglaublich magisch auf mich, denn meine Einstellung zu meiner Vergangenheit und auch Zukunft hat sich immens verändert. Zum Glück! Ich trauere nicht mehr meiner Vergangenheit hinterher, schwelge in alten Erinnerungen, bis ich in ihnen drohe zu ertrinken. Ich blicke nach vorne, gespannt auf das, was mich erwartet. Neue Abenteuer, Herausforderungen sind da draußen und warten darauf von mir erobert und gelebt zu werden!

Das Jahr 2014 war meine persönliche Hölle! Ich habe diesem Jahr von Anfang an keine Chance gegeben, habe es verflucht und vielleicht durch all diese Gründe solch eine schwere Zeit gehabt! Man könnte meinen, ich hätte mir mein eigenes Grab geschaufelt und so fühlte es sich tatsächlich auch an! Ich fühlte mich eingesperrt, konnte keinen Ausweg finden, wie ich diesem emotionalen Elend entfliehen konnte. Wann immer ich dachte, ich hätte es endlich geschafft, gab es diesen heftigen Rückschlag, der mich wie eine kalte Hand des Grauens zurück in dieses furchtbare Grab zog! Hätte ich ein Mittel gefunden, es irgendwie aufzuhalten, dann hätte ich es damals getan, denn dieser emotionale Tsunami, der auf mich zukommen sollte, hatte mich schlimmer getroffen, als ich es erwartete, oder mir in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt hatte!

14. Mai 2014. D-Day, wie ich ihn nenne, denn es herrschte Krieg in meinem Herzen. Dies war der Tag, an dem es hieß Abschied zu nehmen. Abschied von all den Menschen, die ich während dieser zwei Jahre lieben gelernt habe und meine Familie nenne! Es ist kaum in Worte zu fassen, wie unfassbar schmerzvoll es ist, sich von geliebten Menschen zu verabschieden, mit denen man jeden einzelnen dieser 730 Tage verbracht hat! Ich hatte mir ein ganz neues Leben aufgebaut, welches mir von einem Tag auf den anderen genommen und beendet wurde. Einfach so! Und ich konnte nichts dagegen tun. Es war Zeit für mich nach Hause zu fliegen, zurück nach Deutschland, zu meiner Familie und meinen Freunden. Jedoch fühlte sich all das nicht mehr wie mein Zuhause an. Zwei Jahre war es her, als ich deutschen Boden gegen amerikanischen eingetauscht hatte. Wenn ich nun an meine Heimat dachte, kam es mir befremdlich vor. Ich wollte nicht zurück, ich konnte es nicht. Der Abschied am Flughafen war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Es ist erstaunlich, was ein Mensch fähig ist zu ertragen, ohne elendig zusammenzubrechen. Es ist, als würde das Herz auf Standby gesetzt. Man funktioniert einfach nur noch. An den 7 stündigen Flug kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte eine Schlaftablette zu mir genommen, kurz bevor wir starteten. Ich saß neben einem Ehepaar und versuchte meine Tränen zurückzuhalten, was mir nicht gelang. Ich vergrub mein Gesicht in das kleine Kissen, auf dem ein isländisches Kinderlied gedruckt war (ich flog mit Iceland Airways) und schloss meine Augen. Ich vernahm ein unerträgliches Pochen in meinen Augen und musste feststellen, dass sie auf die Größe von Tomaten angeschwollen waren, als ich sie berührte. Nach kürzester Zeit merkte ich, wie sich mein Puls verlangsamte, ich ruhiger wurde. Schlafen konnte ich jedoch nicht. Ich saß einfach nur da, betäubt von dieser winzigen Schlaftablette, die mir all meine Erinnerung an diesen unerträglich langen Flug nahm, der mich wie eine Gefangene zurück nach Hause bringen sollte. Ich wollte einfach nur, dass es endlich vorbei war!

“Sehr geehrte Damen und Herren, in kürzester Zeit erreichen wir Hamburg…”, hörte ich den Kapitän sagen, als ich langsam meine Augen öffnete, um aus dem Fenster zu schauen. Das Wetter in Deutschland wirkte grau und kalt und passte daher perfekt zu meiner Gefühlslage. Geschafft. Ich hatte den Flug mit einem kurzen Zwischenstop in Island hinter mich gebracht. Als ich diese weite Strecke in meinem Kopf Revue passieren ließ, schossen mir sofort Tränen in die Augen, geschockt über die Tatsache, durch wieviele tausende Kilometer ich von all meinen Liebsten nun getrennt war. Eine schreckliche Vorstellung! Ich begab mich zum Gepäckband und stellte erfreulich fest, dass all meine drei Koffer diese lange Reise unversehrt überlebt und mit Sicherheit nicht so sehr gelitten haben wie ich es tat. Nachdem ich sie auf einen Gepäckwagen legte, begab ich mich zum Ausgang, gespannt darauf meine beste Freundin nach zwei Jahren wieder in meine Arme zu schließen! Man darf mich nicht falsch verstehen, denn es war nicht so, dass ich mich überhaupt nicht auf all meine Liebsten in der Heimat freute! Es war nur ungerecht, dass ich etwas aufgeben musste, um etwas anderes dafür zurückzubekommen.

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Das Wiedersehen mit meiner besten Freundin war unglaublich toll, jedoch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich wollte sie mit Freudentränen in meine Arme schließen und ihr sagen, wie sehr sie mir gefehlt hatte, doch ich konnte es nicht. Zu sehr war ich erschöpft von der Reise, die ich hinter mir hatte. Zu sehr war ich noch immer verletzt und traurig über den Abschied, den ich in den USA über mich ergehen lassen musste. Zu unrealistisch fühlte es sich für mich an, wieder zurück in Deutschland zu sein. Kurzum: Ich war überwältigt, überfordet und befand mich von dem Moment an im kompletten Ausnahmezustand! Und dieser sollte einige Monate andauern. Meine beste Freundin hatte auch eine Überraschung für mich parat und wartete zusammen mit meiner anderen besten Freundin gemeinsam darauf mich willkommen zu heißen! Als wir uns auf den Weg zum Auto machten, fühlte ich mich wie ein Alien. Alles kam mir anders vor und überhaupt nicht vertraut. “Aber das ist doch dein Zuhause…”, war ein Satz, den ich in den kommenden Wochen und Monaten zu hören bekam. Natürlich ist es mein Zuhause und nichts hatte sich verändert. Aber ich hatte mich verändert! Und ich wusste, dass es mir mit meiner Rückkehr erst bewusst wird, wie sehr ich mich verändert hatte. Die nächsten 24 Stunden durchlebte ich in einer Art Trance. Ich war da, aber nicht anwesend. An die Gespräche, die meine Freundinnen und ich führten, kann ich mich nicht mehr erinnern. Es gab diese Momente, in denen ich laut lachte und es gab diese Momente, die mich zusammenbrechen und in den Schlaf weinen ließen. Ich wollte alleine sein und war froh, dass ich es nicht war.

Am nächsten Tag war es für mich an der Zeit nach Hause zu fahren und meine Mama an ihrem Geburtstag zu überraschen. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, dass dieser Tag sich für immer in ihre Erinnerung brennen würde! Meine Mama dachte, ich würde am 28. Mai nach Hause kommen und hatte mich einige Male darum gebeten, ob ich nicht schon zu ihrem Geburtstag nach Hause kommen könnte und sie sie sich so sehr darüber freuen würde. Ich sagte ihr immer wieder, dass ich die letzten Wochen meines amerikanischen Lebens genießen möchte und ich ihren nächsten Geburtstag mit ihr verbringen werde. Ich konnte die Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen und auch nachvollziehen. Es war sehr schwer diese Überraschung für mich zu behalten. Dieser Moment des Wiedersehens war jedoch unbezahlbar und einer der schönsten Momente meines und ihres Lebens! Egal wie alt man ist, wir alle sind wieder Kind, wenn wir in den Armen unserer Mütter liegen! Eine der schönsten Umarmungen, die es gibt. Während ich Angst hatte, dass meine Mama vor Schreck ohnmächtig würde, stand meinem Papa erst der Schock und dann pure Freude ins Gesicht geschrieben. Immer wieder drückte er mich, fassunglos darüber, dass seine kleine Tochter endlich wieder zurück ist. Ich bin etwas traurig, dass ich dieses Wiedersehen nicht auf die gleiche Art und Weise genießen konnte wie sie es taten.

Die kommenden Monate waren sehr hart. Die schlimmste Achterbahnfahrt der Gefühle, die man sich vorstellen konnte. Dabei mag ich Achterbahnen. Ich verschanzte mich in meinem Zimmer, sehnte mich nach Einsamkeit. Meine Mama hatte am meisten darunter zu leiden. “Ich erkenne dich nicht wieder. Du machst mir Angst…”, sagte sie mir. Und auch ich hatte Angst. Ich hatte unheimliche Angst davor, den Weg aus dieser Hölle nicht herauszufinden, für immer in ihr gefangen zu sein. Manche Tage verbrachte ich im Bett, weinend, während draußen die Sonne schien und das Leben seinen Lauf nahm. In den ersten vier Wochen versuchte ich meine Zukunft zu formen, welches mir auch gelang, mich jedoch alles andere als positiv stimmte. Ich hatte Großes vor, wollte nach Berlin. Ich wollte studieren. Ich bewarb mich an einer Privatschule, um dort Kommunikationsdesign zu studieren und wurde auch angenommen. War ich glücklich darüber? Nein! Ich bekam die Zusage noch an dem Tag, als ich mein Interview hatte und verließ diesen Ort mit einem unguten Gefühl. “Was mache ich hier!?!”, fragte ich mich selbst, als ich durch die Straßen Berlins schlenderte. Ich wusste keine Antwort. Ich wusste nicht wohin mit mir. Ich fühlte mich verloren wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich fühlte mich, als würde ich das Leben einer anderen Person leben. Ich entschied mich gegen Berlin und gegen ein Studium. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch aus persönlichen. Ich hätte dort nicht reingepasst. Es wäre nicht das Richtige gewesen. Und wenn ich eines gut kann, dann auf meine innere Stimme zu hören. Und diese schrie ganz, ganz laut “NEIN!”. Da war ich nun, wieder am Anfang. Ich fühlte mich nutzlos und brauchte eine Aufgabe. Und Geld. Ich ging zu meinem alten Arbeitgeber, um nach einem Job zu fragen. “Haben Sie einen Job für mich?”, fragte ich meinen ehemaligen und zukünftigen Chef, mit verlegenem Grinsen. Dieser zückte sofort sein Telefon aus der Tasche, um einen Vertrag für mich fertig machen zu lassen, den ich sofort unterschrieb. Ich bin froh darüber, diesen Schritt gegangen zu sein, auch wenn ich mir selbst geschworen hatte, nie wieder in diesem Job zu arbeiten. Nun, auch ich musste von meinem hohen Ross absteigen und der Wahrheit ins Gesicht blicken. Die Realität sieht eben meist anders aus als unsere Vorstellungen.

Neun Monate sind nun vergangen, seitdem ich zurück bin und es fühlt sich an wie 9 Jahre! Es ist unglaublich, wieviel in solch kurzer Zeit passieren kann! Es wirkt surreal, fast wie ein Tagtraum. Ich kann endlich sagen, dass ich mich besser fühle, die Tränen vor langem getrocknet sind und ich mich auf einem guten und hoffentlich steilen Weg befinde. Ich habe es meiner Familie und meinen Freunden keineswegs leicht gemacht! Jedoch waren sie immer an meiner Seite und retteten mich, wenn ich dabei war wieder in einem meiner verzweifelten Tränenmeere drohte zu ertrinken und dumme Entscheidungen traf. Ich bin dabei meine Zukunft zu formen und habe Berlin keineswegs abgeschrieben! Wofür ich vor 9 Monaten keineswegs bereit gewesen bin, empfange ich nun ungeduldig mit offenen Armen. Ich möchte im Sommer endlich mein Leben in Berlin beginnen. Ich bin bereit für einen neuen Frühling, einen unvergesslichen Sommer und purem Abenteuer! Und das mehr als je zuvor! Ich brauchte diese 9 Monate des Einlebens, der Wiedereingewöhnung an das deutsche Leben! Es war eine lange Zeit, aber sie war notwendig. Alles braucht seine Zeit. Auch Zeit! Life is good!

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“Life is like a roller coaster. It has its ups and downs. But it’s your choice to scream or enjoy the ride.”

 

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